Achtsam durchs Leben

(Illustration: Sascha Butphaeo Bucchéri)

Die volle Müslischüssel zerspringt auf dem Boden, Kind 1 hat aus unerfindlichen Gründen plötzlich Kaugummi im Haar und muss in 5 Minuten aus dem Haus, Kind 2 malt mit wasserfestem Stift dessen neue Sandalen an, der Pöstler möchte noch eine Unterschrift und das Handy klingelt. Hallo Alltag. Wie wir auch da noch total gelassen und entspannt durchs Leben segeln, weiss Maria Boettner.

 

So wunderbar es auch ist, Kinder zu haben, ist der Alltag bei mir oftmals der reinste Hickhack. Ich renne auch immer der Zeit hinterher. Und verliere regelmässig den Überblick. Wie einfach doch alles war, damals als Single, als man nur auf sich selber schauen musste. Das war mir damals aber natürlich überhaupt nicht bewusst und ich kann mich heute auch nur noch vage daran erinnern.

Auf einmal sind da mehr Menschen und selber rückt man in den Hintergrund. Nach ganz weit hinten. Man merkt fast gar nicht mehr, dass man auch noch da ist.

 

Das gibts ja diese Klassiker. zum Beispiel wenn man unterwegs ist. Da ist es immer besonders lustig. Da haben die Kinder auf einmal Durst – ja verdursten fast (lautstark!) auf dem Weg zum nächsten Kiosk. Oder sie müssen jetzt gerade in diesem Moment und keine zwei Minuten später total dringend aufs WC (mit entsprechender Geste). Und Laufen ist auch immer total anstrengend. Jeder einzelne Meter.

Geschwister bewerfen sich mit Spielfiguren, sagen sich alle Schande, um 5 Minuten später wieder zu kuscheln, und die blöden Hausaufgaben stehen auch jeden Tag an, und nein, ICH. ESS. DAS. NICHT. Ja, das höre auch ich. Und sie wollen abends nicht schlafen. Und da ist oftmals auch noch eine Partnerschaft, die man pflegen sollte. Und Freundschaften. Und Eltern. Und der Haushalt. Und ein Job. Und das ganze jetzt bitte noch möglichst entspannt. Ach, und etwas hab ich noch vergessen, was man ja auch noch pflegen sollte. Sich selbst.

 

Maria Boettner ist Achtsamkeitstrainerin, ausgebildete sensitive und mediale Beraterin und Trance-Healerin. Ich finde das ist eine spannende Berufsbezeichnung und habe mich mit ihr getroffen. Ich wollte herausfinden, ob man denn wirklich ruhig bleiben kann, wenn es wirklich abgeht. Sie sagt ja.

 

 

„ES IST EIN NATÜRLICHES BEDÜRFNIS, SICH GUT FÜHLEN ZU WOLLEN.“ (Maria Boettner)

 

Maria, wie kommen wir denn gelassen durch die totale Hektik?

Gerade dann, wenn man keine Zeit hat, gar nichts mehr geht und das Kind schreit, dann sag ich jeweils „So, jetzt möchte ich 1 Minute Pause haben“. Das versteht meine Tochter auch schon mit ihren 2 Jahren. Ich setze mich dann hin und beginne bewusst zu atmen. 1 Minute bringt schon viel. Ich kann mich dafür auch aufs Klo zurückziehen. Manchmal ist auch gut das Kind zu integrieren, es zum mitmachen zu bewegen. Auch wenn die Kinder anfangs noch auf einem Rumturnen, akzeptieren sie nach einer Weile dass man jetzt einen Moment braucht.

 

Wenn man schon vorher weiss, dass es ein anstrengender Tag wird, wie kann man sich besser darauf einstellen?

Mein bester Tipp ist: Stell den Wecker 10 Minuten eher! So dass man VOR den Kindern wach ist. In den 10 Minuten, die man gewinnt, kann man machen was man möchte und was einem gut tut. Im Bett liegen, in sich reinspüren, noch nicht an den ganzen Tag denken, in den Körper reinfühlen. Die Stille geniessen. Oder sich einfach strecken, aus dem Fenster schauen, einen Kaffee oder Tee trinken, der Amsel zuhören. Und erst danach weckt man die Kinder. Wobei bereits ein paar Minuten mit sich selbst am Morgen einen positiven Effekt auf unser Wohlbefinden haben können.

 

Und das hilft schon?

Man startet so viel gelassener und authentischer in den Tag. Natürlich ist das auch Übungssache. Mit diesen 10 Minuten ist man später relaxter und flippt nicht gleich aus, wenn die Müslischüssel runterfällt. Das wischt man dann einfach weg und gut ist. Man hat immer die Wahl in einer Situation: Entweder regt man sich auf auf oder eben nicht.

Zudem ist es ist ja auch nunmal unsere Aufgabe es wegzumachen. Kinder schmeissen nun mal Sachen runter, und Eltern wischen es auf. So einfach ist das.

 

„MACHT MAN EINE LEBENSSITUATION, EINEN AUGENBLICK ODER EINEN MENSCHEN DAFÜR VERANTWORTLICH, DASS ES EINEM SCHLECHT GEHT, GIBT MAN SEINE SELBSTVERANTWORTUNG AB.“ (Maria Boettner)

 

Aber diese gewonnenen 10 Minuten halten nicht den ganzen Tag an, oder?

Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt ja vielerlei Gelegenheiten im Alltag selbst, in denen kann man immer wieder mal kurz zur Ruhe kommen. Zum Beispiel im Bus. Viele zücken da ihr Handy, um die Mails zu checken. Man kann aber auch einfach mal in sich reinspüren und beobachten, wie der Atem gerade fliesst, wo man angespannt ist, wo man eventuell besonders entspannt ist, zu spüren, welche Emotion gerade in einem vorherrscht. Ein kurzer Checkup mit sich selbst.

Deshalb habe ich eine Meditations- App gemacht.

Technik und Meditation widersprechen sich hier für mich nicht. Die Technik nutze ich für mein persönliches Wohlbefinden. Man kann das Handy, wenn man es dann eh zückt, also auch positiv nutzen. Auf dem Spielplatz, beim Gehen oder beim Arzt: Anstatt in Klatschmagazinen zu blättern. Warum da nicht einfach mal den Kopfhörer rein und 3 Minuten meditieren? Es ist alles eine Art der Sichtweise und Perspektive.

 

Kann man denn auch mit offenen Augen meditieren? Ich weiss nicht ob ich mit geschlossenen Augen beim Arzt im Wartezimmer sitzen möchte..

Mit offenen Augen ist man mental natürlich aktiver, weil man noch einen Teil der Aussenwelt wahrnimmt. Mit geschlossenen Augen kann man seinen Fokus leichter nach Innen richtenAber das ist Übungssache. Denn auch mit geöffneten Augen kann man kurz Pause machen, runterkommen und auftanken. 

 

 

„JEDER KANN UND MUSS SELBST ENTSCHEIDEN WIE ER SICH FÜHLEN MÖCHTE.“ (Maria Boettner)

 

 

Wie definierst du denn Meditation?

Meditation lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben, da es sich bei der Meditation um einen inneren Zustand handelt. Und in diesem Zustand ist der physische Körper still geworden, der Geist klar und wach, das Herz ist offen.

Wie viele und was für Gedanken uns durch den Kopf gehen, welche Emotionen gerade in uns vorherrschen ist nicht so wichtig, wie das Wahrnehmen der Emotionen und Gedanken selbst. Und sie dann wieder ziehen zu lassen, ohne sie bewerten zu wollen.

 

Können auch Kinder schon meditieren? 

Kinder sind in der Regel von Natur aus kleine Zen-Meister. Komplett mit dem Augenblick, also dem Leben verbunden. Herrlich.

Nichts desto trotz kann man Ihnen früh ein paar Atemtechniken vermitteln, die sie anwenden können, wenn sie etwas aufregt oder unruhig sind, nicht schlafen können. Man kann ihnen zeigen, wie sie tief und lang in den Bauch atmen können. Da legt man zum Beispiel ein Stofftier auf den Bauch und das Kind kann beobachten, wie sich das Tierchen nach oben und unten hebt. So verlagert sich der Fokus von der Aufregung oder Angst auf die Bewegung des Bauches. 

Man kann sich auch neben das Kind legen und das gemeinsam machen. Dabei die Hand auf den Bauch legen. Eine halbe Minute reicht für den Anfang. Und je öfter man dies mit dem Kind übt, desto besser klappts und das Kind wird dies dann auch selber ausprobieren. Es entspannt einfach und fühlt sich gut an. Da kann man das Kind fragen, wie es sich anfühlt, so beginnt das Kind in sich reinzuspüren und es denkt darüber nach, wie es sich gerade fühlt. Das ist sehr wertvoll. Oder man kann es fragen, wie es das Gefühl beschreiben täte, welches Gesicht es hat, welche Farbe. Das schult die Körperwahrnehmung.

 

Ab wann kann das ein Kind?

Meine Tochter ist zwei Jahre alt und ich meditiere mit ihr bereits. Schon als sie noch ein Baby war, habe ich mich mit ihr hingesetzt, sie auf den Schoss gesetzt und geatmet. Irgendwann hat sie dann mitgemacht. Wenn sie kleiner sind, ist man spielerischer. Mit 4 Jahren zum Beispiel, in der Badi, schaut man gemeinsam wie schön die Bäume sind, fragt das Kind ob es dies oder jenes riechen kann, ob es die Vögel hört, oder wenn es eine Orange isst, kann man es ermuntern an der Schale zu riechen.. so Sachen. So kann man die äussere Wahrnehmung schulen. 

Bis die Kinder etwa 11 Jahre alt sind, also vor der Pubertät, kann man Ihnen sehr viel Wertvolles mit auf den Weg geben. Wie zum Beispiel das bewusste Atmen.

Somit haben die Kinder ein grossartiges Tool an dass sie sich erinnern werden, und das wird ihnen in vielen Situationen helfen. Beim Bewerbungsgespräch, beim ersten Date, vor jeder Prüfung..

Wichtig ist, dass man den Kindern Raum lässt, dass sie selber rausfinden, wie und was ihnen gut tut. Wenn ein Kind lieber im Wald spazierengeht und unter Bäumen sitzt, dann ist das eben ein wertvolles Tool für dieses, dass wir als Eltern unterstützen können, indem wir regelmässig den Wald aufsuchen.

 

 

 

 

 

mariaboettner

Maria Boettner ist Achtsamkeitstrainerin und Entwicklerin der APP „Du hast Pause“ und der APP „Mindful Parenting“. Diese sind kostenlos  und man kann damit in 10 x 10 Minuten meditieren lernen. Wer dies noch etwas vertiefen will, holt sich das Jahresabo für 2.- im Monat. Damit hat man Zugriff auf lange und kurze Meditationen für zig verschiedene Alltagssituationen (Einschlafen, Warten, Gesundheit, Arbeit, Elternschaft, Reisen etc.). Damit kann man sich zwischendurch kleine Ruhe-Inseln schaffen.

Alle Infos zu ihren beiden Apps, sowie viele kostenlose Meditationsvideos gibts auf duhastpause.com. Und das ganze gibts unter mindfulparenting auch in englisch.