Harmonie am Familientisch

Warum es wertvoll ist, dass man als Familie regelmässig gemeinsame Mahlzeiten einnimmt, habe ich hier bereits angetönt. So ein gemeinsames Essen macht allerdings absolut keinen Spass, wenn sich niemand an Regeln hält und jeweils das totale Chaos ausbricht. Bei ewig schlechter Stimmung hat niemand mehr Lust, mit seinen Liebsten zu essen. Und das kann für die Zukunft vieles kaputt machen.

 

Ein gewisses Mass an Harmonie, so dass man dieses familiäre Zusammenkommen geniessen kann, macht also Sinn. Allerdings ist dies je nach Phase und Alter der Kinder nicht so einfach. Wir kämpfen an unserem Esstisch ab und zu mit einem trotzenden Kleinkind und einem Schulkind, das ganz prima Schnuten ziehen kann. Auch wenn man sich als Eltern vornimmt, den Launen der Kinder stets fröhlich und mit viel Humor und Gelassenheit zu begegnen, macht einem der Alltag oftmals einen Strich durch die Rechnung. Wer ist schon immer gut drauf? Und ist einer genervt, sind es irgendwann alle und das war’s dann mit der Idylle.

 

Ich. Will. Aber. Harmonie. – Auch wenn die Kinder querschlagen. Ich will gelassen bleiben und einen Plan haben, wenn ich mit Klassikern provoziert werde. Also habe ich jemanden gefragt, der sich mit Kindern und Jugendlichen auskennt: Kinder- und Jugendpsychologin Susy Signer-Fischer.

 

Frau Signer-Fischer, ein ständig wiederkehrendes Thema in der Familientischproblematik sind die Machtkämpfe. Die soll es am Tisch ja nicht geben. Und trotzdem gibt es sie. Wie verhindert man solche?

Eine ganz allgemeine Erziehungsregel lautet, dass es klar sein sollte, dass die Eltern sagen, wie es läuft. Abgesehen davon, ist es wichtig, dass die Eltern zwar Respekt einfordern, den Kindern aber ebensolchen entgegenbringen. Die Eltern bestimmen die Regeln, sie entscheiden, welches Verhalten Ihnen am Tisch wichtig ist. Machtkämpfe verhindern können sie mit Konsequenzen und Verstärken des erwünschten Verhaltens. Es wäre wünschenswert, für Kinder nachzuvollziehende Konsequenzen im Vorfeld zu überlegen – und den Kindern, wenn möglich im Voraus, mitzuteilen. Es sollten Konsequenzen gewählt werden, die durchführbar sind und sie sollten auch durchgezogen werden. Wenn sie immer wieder angedroht und nicht vollzogen werden, wirken sie nicht.

 

Wie bringt man Kinder dazu, von allem zu probieren?

In einem ersten Schritt werden allgemeine Regeln aufgestellt, entsprechend der Erziehungshaltung der Eltern, z.B., dass es ihnen wichtig ist, dass die Kinder von allen Lebensmitteln zumindest probieren. Wenn sich das Kind weigert, wird es an die Regel erinnert. Bringt das nichts, dann sollte das Konsequenzen haben. In manchen Familien müssen die Kinder am Tisch sitzen bleiben, bis sie probiert haben, in anderen wird das Dessert gestrichen. Am besten macht man keinen grossen Aufstand und bespricht das Verhalten in einer ruhigen Minute mit dem Kind abseits vom Tisch. Man erklärt ihm, warum die Regeln einem wichtig sind und findet zusammen einen möglichen Weg. Eine andere Regel könnte z.B. sein, dass sich jeder schöpfen darf, allerdings erst nur ein wenig. Nach dem Probieren kann das Kind entscheiden, wovon es noch mehr haben möchte.

 

Was könnte denn eine Lösung sein?

In manchen Familien darf jedes Kind 3-4 Lebensmittel nennen, die es nicht mag und nicht zu probieren braucht. Die gewählten Lebensmittel können einmal im Monat gewechselt werden. Alle anderen Lebensmittel werden probiert. Es ist wünschenswert, dass ein Kind eine Vielzahl von Lebensmitteln kennen und schätzen lernt. Bei Kindern, die partout nur sehr wenige verschiedene Gerichte essen, besteht nämlich ebenfalls die Gefahr, dass sie eine Essstörung entwickeln.

Jedes Kind hat seine eigenen Präferenzen und seine eigene Persönlichkeit. Es zeigt sich häufig, dass wenn ein Kind grundsätzlich wenig Neues probieren möchte, d.h. wenig offen für neue Erfahrungen ist, es oftmals auch in anderen Lebensbereichen Mühe mit Veränderungen und Umstellungen haben wird. Man könnte „etwas Neues ausprobieren“ also auch in anderen Lebensbereichen üben und dem Kind den Schrecken davor nehmen. So könnte es sich generell an Veränderungen und Abwechslungen gewöhnen und flexibler werden.

 

Welche Fehler machen Eltern in der Regel am Tisch?

Zu viele Regeln gleichzeitig verkünden und deren Einhaltung verlangen. Gerade kleine Kinder haben Schwierigkeiten, wenn zu viel gleichzeitig von ihnen verlangt wird. Deshalb ist es besser, wenn man schrittweise immer nur eine Regel einführt, bis sie klappt/funktioniert, ohne das Kind zu überfordern. Wiederholtes Schimpfen und Korrigieren ist kontraproduktiv und sorgt für Stress.

 

Und wenn sich das Kind aber ein Fauxpas nach dem anderen leistet?

Wenn man als Eltern etwas beanstanden möchte, dann kann man auch mit positiven Formulierungen auf das Fehlverhalten hinweisen. „Hast du vergessen, dass du…“ ist wirkungsvoller als ein „Würdest du jetzt man endlich…“. Man kann das Kind auch im Nachhinein in einer ruhigeren Situation fragen, was seiner Meinung nach falsch gelaufen ist, so dass sich das Kind selbst an die Regeln erinnern muss. Wenn es die Regel selbst wiederholt, bleiben sie auch eher in seinem Gedächtnis hängen.

 

Es heisst ja immer, bei den Franzosen klappt in Sachen Tischregeln alles so wunderbar. Die Kleinen machen sich auch im Sternerestaurant gut, ohne dass alle Beteiligten Schweissperlen auf der Stirn haben. Was machen wir denn falsch?

Es ist eine Frage der Werte. Es ist gut, sich zu fragen, welche Werte in der eigenen Familie mehr im Vordergrund stehen. – Sind beispielsweise klare Regeln oder eher ein Mass an Demokratie und Mitspracherecht wichtiger –. Natürlich muss ein Kind lernen, dass manche Dinge im Leben einfach sind wie sie sind. Zu der Frage, wie weit bei der Erziehung mit der Durchsetzung von Regeln gegangen werden soll, sollten sich die Eltern absprechen und dann entsprechend handeln. Dass sich Schweizer Kinder im Restaurant im Allgemeinen anders benehmen, als französische, könnte an kulturellen Unterschieden liegen. In der Schweiz haben möglicherweise andere Werte eine höhere Bedeutung als in Frankreich.

 

 

Susy Signer-Fischer ist Fachpsychologin Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologie FSP und arbeitet am ZEPP, Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie. Sie ist selbst Mutter und hat mittlerweile drei Enkelkinder. Das nach Möglichkeit regelmässige, gemeinsame Essen in der Familie erachtet sie als sehr wichtig, weil es sich positiv sowohl auf das Sozial- wie auch auf das Essverhalten auswirken kann. Weiter bietet es eine Möglichkeit für gemeinsame Gespräche, bei denen unterschiedliche Sichtweisen erfahren und ausgetauscht werden.

Bern, 4.3.09 c Peter Mosimann: Susy Signer - Fischer