So wird das Kind fit

Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung und damit auch Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen sind ein grosses Thema. Was können betroffene Familien tun?

 

Laut dem BMI-Monitoring von Gesundheitsförderung Schweiz sind in der Schweiz 17% der Jugendlichen und Kindern übergewichtig. 4% davon sogar stark. Seit den 80er Jahren hat sich dieser Wert verdoppelt.

Computer, Spielkonsolen, Smartphones und der Fernseher sind an diesen Zahlen nicht ganz unschuldig. Aber auch die Tatsache, dass sich die Kinder in der Umgebung, in der sie aufwachsen, weniger bewegen können, teilweise nicht mal selbst zur Schule laufen und stattdessen von den Eltern hin- und her gefahren werden.

 

Dass auch eine unausgewogene Ernährung ein Problem ist, zeigt sich schon beim Kindergarteneintritt. Die „Ja/Nein/Nur-ab-und-zu“-Liste mit Tipps für den Znüni gehört zur Kindergartenpost wie das leuchtende Verkehrsdreieck zum Kindergartenkind. Obwohl sich viele mit der Liste bevormundet fühlen und sich darüber ärgern, dass „der Staat sich nun auch noch in die Ernährung einmischt“, hängt sie dann doch in vielen Küchen.

 

Es wäre ja eigentlich so einfach. Das Kind soll sich ausgewogen ernähren und viel bewegen. Aber manchmal macht da das Kind einfach nicht mit. Was macht man dann?

 

Ich habe mich mit Daniela Fahrni, dipl. Ernährungsberaterin HF und Vorstandsmitglied des Fachverbandes Adipositas im Kindes- und Jugendalter (akj) und ihrer Kollegin Andrea Kern, MSc in Bewegungswissenschaften über dieses Thema unterhalten.

 

 

Frau Kern, wie kann man ein Kind zu mehr Bewegung motivieren? Es zum Beispiel von regelmässigem Sport überzeugen? 

Kinder brauchen von Geburt an viel Bewegungsfreiheit, um ihren natürlichen Bewegungsdrang auszuleben und Bewegungen zu erproben und zu erlernen. Bewegung ist für die körperliche, geistige, emotionale und soziale Entwicklung unersetzlich. Deshalb sind vielfältige Bewegungserfahrungen während der ersten Lebensjahre besonders wichtig.

  • Die Eltern sind wichtige Vorbilder! Sie bewegen sich mit.
  • Unabhängig von Wetter und Jahreszeit nach draussen gehen.
  • Nutzung von Vereinsangeboten, Spiel- und Sportplatz, Wald und Garten etc.
  • Eine geeignete Sportart suchen. Sich Herausforderungen stellen und neue Bewegungen ausprobieren.
  • Spass und Freude an der Bewegung stehen im Vordergrund! Nur so bleiben die Kinder motiviert. Freude ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für regelmässige Bewegung.

 

 

Wie kann man mit dem Kind spielerisch auch mehr Bewegung in den Alltag miteinbauen?

Kindern und Jugendlichen im Schulalter wird aus gesundheitlicher Sicht empfohlen, sich zusätzlich zu den Alltagsaktivitäten täglich mindestens eine Stunde mit mittlerer bis hoher Intensität zu bewegen (Bewegungsempfehlungen Bundesamt für Sport BASPO).

Bewegung kann z.B. folgendermassen in den Familienalltag und in die Freizeit integriert werden:

  • Zu Fuss oder mit dem Velo zur Spielgruppe, Schule, zum Verein, Musikunterricht oder Einkaufen.
  • Treppe statt Lift oder Rolltreppe benutzen.
  • Spielsachen, die zum Bewegen animieren, z.B. Springseil, Fussball etc.
  • Bewegung in der Wohnung: Matratzen, Kartons, Sessel, Kisten und Bälle bilden spannende Bewegungsmöglichkeiten.
  • Freizeitaktivitäten mit Bewegung kombinieren, z.B. mit dem Velo in den Zoo fahren, nach dem Kino den Spielplatz besuchen etc.

 

 

Frau Fahrni, wenn sich ein Kind nun vor allem von kalorienreicher Ernährung angezogen fühlt, wie überzeugt man es davon, sich diesbezüglich einzuschränken und sich ausgewogener zu ernähren? 

Indem man als Eltern das Angebot dementsprechend steuert. Die Eltern entscheiden

  • Was auf den Tisch kommt: Dabei beachten sie die Regeln einer ausgewogenen und gesunden Ernährung
  • Wann etwas auf den Tisch kommt: Die Eltern berücksichtigen den Mahlzeitenrhythmus der Kinder und dass nicht zwischendurch willkürlich gesnackt wird.
  • Wie etwas auf den Tisch kommt bzw. angeboten wird: Es gibt wenig aber klar definierte Essregeln, wo sich alle Familienmitglieder daran halten und die Eltern schauen, dass diese eingehalten werden. Bei der Menüplanung können Wünsche der Familienmitglieder eingebaut werden.

 

Weiter ist es von Vorteil, nicht zu viel über gesundes und ausgewogenes Essen zu reden, sondern es vorzuleben. Die Eltern haben, v.a. wenn die Kinder noch klein sind, eine grosse Vorbildfunktion. Aber auch bei älteren Kindern ist diese Vorbildfunktion nicht zu vernachlässigen. Wenn die Eltern mit wirklicher (und nicht vorgespielter) Freude und Genuss Gemüse, Salat und Früchte essen, dann werden diese Produkte auch fleissig im Angebot stehen und die Kinder lernen, diese zu essen und zu mögen.

Kalorienreiche Lebensmittel sollen nicht verboten werden. Die Häufigkeit, Menge und was sonst noch dazu angeboten wird, kann man als Eltern gezielt beeinflussen. Den Kindern auch ab und zu Auswahlmöglichkeiten bieten, wie z.B. „Willst du einen Apfel oder eine Banane?“ Anstatt „Willst du einen Apfel oder ein Glacé?“

Das Kind entscheidet was und wieviel es vom Angebot nehmen will, die nächste Mahlzeit gibt es aber nicht früher als sonst, auch wenn man als Kind weniger gegessen hat.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist noch, Essen nicht als Belohnung oder Strafe einzusetzen.

 

Wie ist es mit den Mengen auf dem Teller? Wie gross sollten Kinderportionen sein?
Als einfaches Messmittel hilft die Handportion/Faustportion die Mengen zu definieren. Ein Portion entspricht der Handgrösse des Kindes. Die Handgrösse wächst mit, das heisst kleine Kinder = kleine Hand, sie benötigen also weniger als grössere Kinder. Wie gefüllt dann tatsächlich eine Handvoll bedeutet, erläutern verschiedene Flyers.
Der Kanton Aargau hat erst kürzlich einen „Portionenflyer“ erstellt. Dieser Flyer zeigt, wie die eigene Hand als Mass für die individuelle Portionengrösse bei einem Kind und bei einer erwachsenen Person genutzt werden kann.

 

Und wie soll man reagieren, wenn sich das Kind im Geheimen dann doch viel Süsses schnappt, man also regelmässig zum Beispiel Schokoladenpapierchen und dergleichen im Zimmer findet?

Ansprechen, was man gefunden hat, ohne dem Kind ein schlechtes Gefühl zu geben. Z.B. „Ich habe in deinem Zimmer mehrere Schokoladenpapierchen gefunden und nehme an, dass du diese dort auch gegessen hast. Hattest du mehr Hunger? Brauchst du mehr zum Abendessen? War es dir langweilig?“ etc. Je nach Antwort des Kindes können dann die Eltern mit ihm gezielt Massnahmen besprechen. Dabei kann auch eine Essregel helfen, wie z.B. dass in den Schlafzimmern nicht gegessen wird, sondern in der Küche bzw. im Esszimmer, wegen dem Abfall etc.

Wenn das Kind bereits Taschengeld bekommt und sich damit Süsses/Snacks kauft, dann sollte man abmachen wofür dieses Geld gedacht ist und wie oft in der Woche etwas davon gekauft werden darf.

 

 

Was sind Ihrer Meinung nach die klaren Vorteile des Familientischs

Beobachtungen zeigen, dass Essen am Familientisch das Risiko von Übergewicht reduziert. Es wird ausgewogener gegessen und als Essender hat man auch das Gefühl, richtig bzw. bewusster gegessen zu haben. Auch wird ein Tagesrhythmus vorgelebt, was die Arbeit im Alltag erleichtert und die Kommunikation in der Familie fördert.

 

 

Haben Sie, Frau Kern, ein paar konkrete Tipps für Eltern, die mit dem Thema Übergewicht bei ihren Kindern kämpfen? Und wo könnten Sie sich Hilfe holen?

Um Herauszufinden, wo das Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen steht, kann der BMI des Kindes berechnet werden (www.akj-ch.ch > BMI-Rechner für Kinder). Je nach Alter und Grad des Übergewichts gibt es unterschiedliche Angebote und Projekte: Kinderarzt, Hausarzt, Mütter- und Väterberatung, Ernährungsberatung, Psychologe, Jugendsportcamp für Kinder und Jugendliche mit Übergewicht, Freiwilliger Schulsport, Einzel- und Gruppentherapien, Adipositas-Sprechstunden in Spitälern etc. Auf der Webseite des Fachverbandes akj sind alle Angebote nach Kantonen sortiert aufgelistet. Gerne bieten wir bei der Suche nach einem geeigneten Angebot Unterstützung.

 

Die Problemlagen und Situationen sind jedoch von Kind zu Kind bzw. von Familie zu Familie unterschiedlich. Entsprechend gilt es für jede/n Betroffene/n einen geeigneten Weg und individuelle Lösungsansätze zu suchen.

Im Weiteren ist das Thema Übergewicht immer ein gemeinsames „Familienprojekt“, bei dem alle am gleichen Strick ziehen müssen.

 

 

 

Daniela Fahrni ist dipl. Ernährungsberaterin HF und Vorstandsmitglied des Fachverbandes Adipositas im Kindes- und Jugendalter (www.akj-ch.ch). Andrea Kern ist Mitarbeiterin der Geschäftsstelle und MSc in Bewegungswissenschaften.
Geschäftsstelle Fachverband akj, Tel. 044 251 54 45, info@akj-ch.ch