Sportfamilie

Sport & Bewegung sind die zentralen Themen im August. Sei es im Alltag, hobbymässig oder ganz professionell wie bei den Grossenbachers. Ein Interview mit einer sehr, sehr sportlichen Familie.

 

 

Raphael und seine 7-jährige-Tochter Joana treiben mehr Sport als andere. Und sie behalten ihre Ernährung, als Profisportler, sehr genau im Auge. Joana ist Kunstturnerin und erreichte bei den Berner Kantonalen Meisterschaften den 3. Platz. Raphael ist leidenschaftlicher Natural-Bodybuilder.

Ich finde es bemerkenswert, dass ein so junges Kind offenbar bereits so viel Biss hat und mehrmals wöchentlich trainiert. Und ich habe mich gefragt, was Natural-Bodybuilding ist und wie sich die beiden dabei ernähren. Ich bat die Familie deshalb um ein Gespräch.

 

Raphael, seit wann treibt ihr Sport?

Joana hatte bereits als Kleinkind einen grossen Bewegungsdrang, im MuKi-Turnen war sie schnell unterfordert und so stiessen wir durch Bekannte auf Kids-Gym des Vereins Gym-Berner Oberland. Vom Schnupperbesuch war Joana total begeistert und rutschte langsam ins Kunstturnen. Bei mir wiederum war es so, dass damals, in der 1. Klasse, beim obligatorischen Schularztbesuch, eine leichte Hyperkyphose, also ein Rundrücken, festgestellt wurde und der Arzt empfahl mir, den Rücken zu stärken. Ich fing mit Schwimmen an, war 10 Jahre im Schwimmclub, was dann aber aus Zeitgründen und in dieser Intensität nicht mehr möglich war. Und da mir schon immer die gestählten Bodybuilder-Körper gefielen, liebäugelte ich mit Krafttraining und fing mit 16 zuhause an Liegestützen und Klimmzüge zu machen. Ich füllte Wasserflaschen mit Kieselsteinen und machte damit Hanteltraining. Und irgendwann fing ich an ins Fitness-Studio zu gehen.

 

Nun bist du Natural-Bodybuilder. Was bedeutet das „Natural“ in diesem Zusammenhang?

Das bedeutet, dass ein Athlet ohne Steroide, Anabolika, Wachstumshormonen oder anderen verbotenen Substanzen, welche auf der internationalen Dopingliste stehen, trainiert. Das bestmögliche erreichbare an Muskelwachstum, ist das genetische Maximum.

Zur Veranschaulichung: Ein 180 cm grosser Natural-Athlet in Wettkampfform mit 5% Körperfettanteil wiegt ca. 85-90kg. Ein IFBB-Athlet (International, Federation of Bodybuilding and Fitness) kann mit 5% KFA bis zu 110-120kg wiegen. Daran ist der Unterschied schon deutlich zu erkennen.

Ich trainiere sehr ambitioniert mit Hanteln und Gewichten, die Gesundheit hat dabei aber einen hohen Stellenwert und meine Ernährung ist optimal auf mein Training abgestimmt.

 

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Wie ernährst du dich denn?

Bei uns gibt es eigentlich nur Vollkornprodukte (Teigwaren/Brot/Toast/Knäckebrot, Kornflakes etc.). Das ist eine einfache, aber sehr effektive Art, um auf die gewünschte Menge von Mineralien und Vitaminen zu kommen. Ausserdem bleibt der Insulinspiegel konstanter und die Produkte sind erst noch geschmacksintensiver. Milch in grösseren Mengen trinken wir meistens als Magermilch; das heisst für Kakaos und Kornflakes/Müslis und ähnliches. Für Butterbrote verwenden wir Halbfettbutter. Kleine Massnahme mit guter Wirkung. Schnell hat man so ein paar unnötige Kalorien gespart.

Bei den Getränken: Unsere Kids sind erfreulicherweise gute Wassertrinker. Beim Mittagessen gibt es meistens Wasser – manchmal mit Sirup. Ab und zu künstlich gesüssten Tee oder Cola Zero.

Natürlich gehören zum allgemeinen Wohlbefinden auch die seelischen Komponenten dazu. Und der Seele tut ab und zu ein Stück Schokolade, ein Glas Wein oder ein herzhaftes Raclette auch gut. Auch wir gönnen uns das selbstverständlich zwischendurch. Es ist nur immer eine Frage des Masses.

 

 

 

 

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Je nachdem in welcher Phase du bist, Aufbau oder Diät, verfolgst du einen strengen Menüplan. Macht das deine Tochter auch?

Bei Joana schauen wir natürlich nicht auf die Kalorienmenge. Es würde keinen Sinn machen, da sie sich einmal in einem Wachstumsschub und wieder ein andermal in einem Wachstumsstillstand befindet. Kinder merken sehr gut, wann sie genug haben, darum müssen unsere auch nicht zwingend aufessen.

Das viele Training jede Woche braucht natürlich schon Energie und wir schauen einfach, dass sie ausgewogen isst. Das heisst konkret genügend Eiweisse, Kalzium, Magnesium, Vitamine und Spurenelemente.

 

Wie oft muss man als ambitionierte Kunstturnerin pro Woche trainieren?

Heute, mit 7 Jahren, hat sie vier Mal pro Woche Training. Eine solche Trainingsfrequenz ist im Kunstturnen unabdingbar, um Erfolge zu erzielen. Natürlich ist das sehr viel. Wir unterstützen sie dabei, solange sie Freude daran hat. Es gibt auch Phasen und Zeiten, in denen sie nicht so motiviert ist. Dann versuchen wir ihr einfach, die tollen Seiten dieses Sports aufzuzeigen und ihr auch verständlich zu machen, dass man in diesen Phasen halt trotzdem dran bleiben und sich ein bisschen zwingen muss.

Für uns Eltern steht natürlich in erster Linie die Freude von Joana im Vordergrund. Wir versuchen den Leistungsdruck möglichst klein zu halten, aber wir sind überzeugt, dass dieses zeitintensive Training sehr viel Positives mit sich bringt; sei es in der Schule, wo die erlernte Disziplin oder der Durchhaltewille sehr förderlich sein können, oder im Ausüben einer anderen Sportart später, da das Kunstturnen eine tolle Basis bildet, um in verschiedensten Sportarten davon profitieren zu können.

 

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Was wird im Kunstturnen trainiert?

Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Koordination und Konzentration. Auch das Trampolinspringen gehört dazu. Im Training absolvieren die Turner ausserdem verschiedene Dehn-und Kraftübungen sowie Elemente oder ganze Abläufe auf den verschiedenen Geräten, welche sie dann an Wettkämpfen zeigen.

 

Wie koordinierst du dein Trainingsprogramm zwischen Job und Familie? 

Weil ich der „Ganz oder Garnicht-Typ“ bin und mit der Geburt von unserem zweiten Kind, dem 40% Arbeitspensum meiner Frau und weiteren Verpflichtungen, die Zeit knapp wurde, gab ich das Training auf. Es folgte gut ein Jahr ohne Sport. Dies bezahlte ich jedoch mit psychischen Problemen. Ich war nicht mehr ausgeglichen und ertrug den alltäglichen Stress nicht mehr ganz so, wie ich das von mir gewohnt war. Mir wurde klar, dass mir der Sport und die Bewegung sehr helfen, die alltäglichen Belastungen besser zu bewältigen. Also musste ich mir etwas einfallen lassen.

Wir sind in der glücklichen Lage, in einer grossen Wohnung zu leben und so habe ich mir in unserem grossen Badezimmer mein eigenes kleines Fitnessstudio eingerichtet. Es ist für ein hoch effizientes Training und dem gewissen Know-how zum Glück nicht nötig eine Unmenge an Geräten und Zubehör zu besitzen. Das war, wie wir feststellten, eine super Entscheidung. Auch wenn meine Frau arbeitet, kann ich heute meine gewünschte Trainingsfrequenz locker einhalten.

Ich kann, wenn unsere Kinder z.B. die Siesta in ihrem Zimmer machen, eine Stunde trainieren und muss dabei nicht aus dem Haus, bin aber trotzdem jederzeit für sie da.

 

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Und wie oft kommst du dazu zu trainieren?

Momentan mache ich jeden zweiten Tag Krafttraining und jetzt in den wärmeren Tagen mache ich auch öfters Kardiotraining; dabei gehe ich jeweils an den krafttrainingsfreien Tagen mit dem Mountainbike in die Natur. Krafttrainingsfreie Tage sind wichtig. Im Training werden nur Reize gesetzt. Muskeln wachsen in der Regenerationsphase und wenn sie die richtigen Baustoffe, sprich Nahrung und Proteine, erhalten. Man kann sehr schnell in ein Übertraining geraten.

 

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Danke, Raphael!

Gibts da draussen unter euch auch derart sportverrückte Familien, wo auch die Kinder mitmachen? Erzählt, wie sportlich seid IHR?